19.11.2010

Die Mutter im Liedgut, Part 2

Ich weiß genau, wo meine Mutter geboren wurde. Auch in welchem Jahr. Ebenso kenne ich sie ungeschminkt, ich weiß, warum sie mit ihrer eigenen Mutter auf Kriegsfuß steht und mit welchen Worten sie mich trösten konnte. Aber warum meine Mutter so ist, wie sie ist, ja, das weiß ich irgendwie nicht.
Was sie lieber gemacht hätte als Kinder großzuziehen, ob sie bekifft den Rolling Stones gelauscht hat oder was sie an meinem Vater besonders sexy gefunden hat – all das weiß ich gar nicht, werde ich womöglich auch niemals erfahren, wäre aber im Fall der sexuellen Anziehungskraft meiner Eltern zueinander auch eine Information, die ich womöglich nur schwer verkraften würde. Ist Mutter, Mama, Mami, Mum etc. im Grunde das unbekannte Wesen? Eine Heilige, immer für uns da, herzensgut, aber irgendwie unantastbar oder – Ohren zuhalten – eine Hure? Eben auch nur ein Mensch mit Fehlern, schlimmen Macken und äußerst zwiespältigen Grundsätzen. Hand hoch, wer wirklich Mama als beste Freundin und Seelenverwandte bezeichnen kann. Eins, zwei, drei – vorbei.
Das Persönliche könnte ich durch intensive Fragen klären. Das Allgemeine, das Erklären, überlassen wir besser denen, die das mit ganz viel Pathos und samtenem Timbre abschmecken.

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