09.12.2010

Steppenwolf, Kapitel 1

Der Anblick verglühender Wunderkerzen ist Teil meiner frühesten Kindheit. Auch der damit einhergehende Geruch der wild und grell flackernden Leuchtstäbe hat sich buchstäblich in mein Gehirn gebrannt. Ich sehe ein dass dies nicht unbedingt die prägendste und glamouröseste Erinnerung an all die Jahre in der Gefangenschaft eines familiären Systems ist. Doch es ist mit Abstand eine der erbaulichsten und zugleich angenehmsten Erinnerungen. Und von denen gibt es ja im Verhältnis zu den schlechten meist erschreckend wenige. Es ist doch oftmals dieser eine Duft, der einem bestimmte Momente zurück ins Bewusstsein ruft. Lebkuchenduft ist z. B. für viele unweigerlich mit Weihnachten verbunden. Geschmückte Bäume, funkelnde Christbaumkugeln, raschelndes Lametta, Naschteller und imposant verpackte Geschenke. Gerne auch leise rieselnder Schnee, festlich gekleidete Familien, die kollektiv jauchzend die Kerzen am Baum bewundern, den Kopf neigen und mit zusammengekniffenen Augen besagte Kerzen als leuchtende Sterne interpretieren. Ein in stundenlanger Schwerstarbeit zubereitetes Festessen wird verputzt und in den Folgetagen fällt sich die ganze Sippschaft trunken vor Freude in einem Anflug von Herzenswärme in die Arme und tauscht erneut teuer erworbene Nütz- und Nutzlosigkeiten aus. Geeicht auf dieses immer wiederkehrende Ritual beginnt in vielen Haushalten schon Mitte November die Vorbereitung auf den Weihnachtsmonat. Kindern wurde schließlich eingebläut, dass es nicht schöneres gibt als am Weihnachtstag aufzuwachen. Geschäftstüchtige Menschen haben sogar eine, mit dämlichen Motiven bedruckte Pappe, inkl. Hohlraum entwickelt, welche mit ranzig schmeckender Schokolade befüllt wird. Und am besagten Weihnachtstag, dem 24. Dezember, ist das Stück Naschwerk gern doppelt so groß als an all den vorherigen Tagen, denn: an diesem Tag ist ja alles ein wenig anders. Besser. Schöner. Größer. Dem seligen Fest der Liebe und des schmalzigen einander Liebhabens wird traditionell eine Ehre aufgedrückt, die wohlig warm und herzlich menschelnd seit ewigen Zeiten zelebriert werden muss.
Mir wird schlecht wenn ich an den Geruch von Lebkuchen denke. Auch gebrannte Mandeln und Dominosteine finde ich scheußlich. Überhaupt diese Naschteller: ein wirrer Mix aus Gebäck, Schokolade, Hülsenfrüchten und Gelatine wird zusätzlich mit der obligatorischen Orange abgerundet. Und diese spickt man dann noch mit Nelken, um, genau, einen zauberhaften Geruch zu entfalten. Und mir wird mal wieder speiübel von dem Gestank. Unschuldige Bäume werden gerodet, nur um Glanz und Glitzer zu konstruieren. Und all diese Bemühungen, nur um durch ein alle Sinne benebelndes Gemisch aus Gerüchen, Verpackung und Dekoration, gepaart durch eine anmutig dahinträllernde Liedauswahl, von dem eigentlichen Problem abzulenken. Ein verlogenes und bedrückendes Fest der Liebe feiern wir da, bei dem der religiöse Aspekt meist vollkommen unwichtig bleibt.
Die wahren Grausamkeiten wurden in meiner Familie nicht anhand eines Krippenspiels dargestellt. Vielmehr erinnerte es zuweilen an eine perfekt inszenierte griechische Tragödie. Gekoppelt an hysterische Heulkrämpfe und manisch-depressive Schübe meiner Mutter, Vorwürfe und Heuchelei meines Stiefvaters und alkoholgeschwängerten, offen ausgetragenen Familienfehden klammerte ich mich stets an die Hoffnung das der beschissene Dezember möglichst bald ein Ende findet. Ich konnte dem Fest der Liebe reichlich wenig erbauliches abringen. Vorfreude beschränkte sich bei mir nur auf die feste Überzeugung, dass mit jedem neuen Weihnachtsfest eines weniger zu Lebzeiten begangen werden musste. Der Ärger, Unmut, die Enttäuschung, Trauer und Tränen konditionierten mich erstaunlich früh auf eine konsequente Abneigung gegen alles was nur entfernt an Weihnachten erinnern ließ. Geschreie und tagelanges Schweigen folgten meist dem Gänsebraten am 25. Dezember und von da an musste ich es nur noch bis zum noch deprimmierenderen Neujahrsfest schaffen...dies nur am Rande.
Aber Wunderkerzen: die erinnern mich an meine Kindheit. Den guten Part. An Wohlfühlen, Fröhlichkeit, gemeinsames Feiern und entspannte Gesichter. Lachen und Freude, Spaß und Einigkeit. An Gesang und Tanz. Ein mittendrin, nicht draußen, nicht ausgeschlossen sein. An einen der wenigen wirklich hoffnungsfrohen Augenblicke in einer ansonsten allzu tristen und traumatisierten frühkindlichen Phase.
Sie erinnern mich auch an Bier, wüste Biker, schlechte Kleidung und verschwitzt schütteres Haupthaar. Ebenso an zahllose Regenschauer die unter Plastikplanen ignoriert werden sollten. An wilde Saufgelage und verkohlte Rostbratwürste, matschigen Untergrund sowie rote Tücher die zum Accessoire umgewandelt wurden und männliche Kehlen umschlungen. Und ich wandelte in dieser Menge umher und fühlte Freiheit, Akzeptanz und die Erkenntnis, dass mein Verlangen nach Familie durchaus gestillt werden konnte.
Die Sache mit der musikalischen Prägung in jungen Jahren ist ja, in der Rückschau, meist eine Ansammlung von Beschönigung und Zurechtrückung. Oft höre ich das Freunde zu den Klängen der Beatles, der Stones, David Bowie, progressiven Klängen oder meinetwegen auch den bedeutungsvollen Varianten des NDW-Geplärres aufgewachsen sind. Tenor dieser Definitionen ist durchweg die Behauptung, im weitesten Sinne anspruchsvoller Musik und Vielfältigkeit ausgesetzt worden zu sein. Das bedeutet dann, dass eben jene Menschen niveauvollen und individuell geschulten Musikgeschmack vorweisen können.
Meine Mutter beeinflusste mich weitaus traumatischer. Geboren in den sehr späten siebzigern fällt meine musikalische Erstbeschallung in den vorderen Teil der achtziger Jahre des vergangenen Jahrtausends. Nun mag man glauben, dass diese neben all dem kruden Brei aus Synthesizerklängen, New Wave, gediegener Pop- und kritischer Weltmusik den ein oder anderen Ohrenschmaus auf den Schallplattenteller meiner Mutter befördert hätte. Aber in unserem Haushalt galt es sich an den sehr deutschsprachig vorgetragenen, äußerst gitarrenlastigen und verblüffend simpel gestrickten Tonträgern eines einzigen Mannes zu erfreuen.

Peter Maffay war die musikalische Untermalung, die ich als Soundtrackkulisse meiner Kindheit erleben durfte. Und dessen Open-Air Konzerte wurden zu alljährlichen Familienfesten umfunktioniert.
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