19.04.2011

It's All About Me, Me, And Me, Kapitel 22

Ich vernahm ein belustigtes Grunzen. Zudem rieb sich dieser Mann beschwingt die Krümmel vom Mund und wippte frohgemut vor und zurück. Fand er das jetzt ernsthaft lustig? Es fehlte nur noch, dass er jede Sekunde in schallendes Gelächter ausbrach und sich beherzt auf die dicken Beine klopfte. Meine Hände fingen an zu zittern. Ich fühlte mich nicht ernstgenommen. Und das, so schien mir, war genau seine Absicht. Mich zu verunsichern sollte wohl die neueste Therapiephase einleiten. Ich bemühte mich aufrichtig um Verständnis für seine zweifelhafte Vorgehensweise. In den vergangenen Wochen habe ja auch ich mich auf einen Menschen einstellen müssen, der so garnicht meinen Vorstellungen entspricht. Doch mein unbändiger Realitätssinn hat mir immer wieder zugerufen,
'der Mann ist dein Therapeut, der will dich unterstützen, dir helfen, dich auf dem Weg zu sozialer Kompetenz begleiten'.
Schließlich ist es ganz und gar nicht leicht, die Dimensionen meiner verworrenen Lage zu erschließen. Natürlich sind die familiären Bedingungen - väterliche Mangelerscheinung, mütterliche Vereinnahmung, verkümmertes Emphatievermögen, soziale Isolation und ein ungefiltertes Mitteilungsbedürfnis - ein schwer überschaubarer Sumpf aus miteinander konkurrierenden Prägungen. Doch ein wenig Ernsthaftigkeit und Sachverständnis wären schon mal ein schlüssiger Anfang. 
Dieses schwitzende Ungeheuer jedoch shien mir ein wenig überfordert und überspielte wohl mangelnde Fähigkeiten seinerseits mit schlechtem Benehmen und beleidigenden Worten. Dafür hätte ich nicht Therapiestunden wahrnehmen müssen. Genauso gut hätte ich mich vor einen Spiegel stellen und solch einen Dialog entspinnen können. 

„Ich könnte sehr wütend sein. Auf sie. Und jeder würde mir Recht geben. Sie beschönigen hier meinen Zustand und meine fatale Lebenslage bzw. missachten vollkommen die Ausmaße, unter denen ich zu leiden habe. Da kann man doch nicht einfach sagen 
'sie bilden sich das alles ein und erfinden fröhlich eine Welt die es so nicht gibt'. 
Wo bleibt denn da ihr Reflexionsvermögen?"

Doktor Hortmann schien nun endgültig aus seinem dämmerigen Dauerschlaf erwacht zu sein und war im Begriff, sich von einer ganz neuen, äußerst ungewohnten Seite zu präsentieren.
„Ja also, Lebenslüge trifft es dann wohl eher. Zudem haben sie gerade recht treffend formuliert, was ein grundlegendes Problem für sie darstellt: Sie leiden gern und gern öffentlich. Und wenn dieses Leid nicht ausreichend gewürdigt wird, fühlen sie sich missverstanden und reichern banalen Alltag mit Dramatik an, um nicht in das Gewöhnliche abzurutschen. Im übrigen sollten sie nicht auf mich wütend sein. Lenken sie gezielt diese innewohnende Wut. Am besten auf die Person die sie am meisten lieben und zugleich verabscheuen: Und das wären unumstritten sie selbst. Letztlich können sie doch genau diese Wut nutzen und von der betreffenden Person Liebe, Anerkennung und Genügsamkeit einfordern. Kanalisieren sie den innewohnenden Schmerz und wandeln ihn in ein leuchtendes Wohlbefinden um.“ 

Er schob sich noch einen seiner Kekse, im ganzen Stück, in den Mund und schluckte ihn ohne nennenswerten Kauvorgang hinunter. Ich hoffte auf einen Erstickungsanfall und war bereit umgehend die Praxis zu verlassen und einkaufen zu gehen, während er um sein Leben kämpfte. Das blauegefärbte Gesicht und der im Todeskampf zuckende Leib hätten von mir nicht den Hauch von Hilfe erwarten können. Doch leider wurde mir diese Freude verwehrt. Stattdessen holte Hortmann mit hypnotischem Blick und gefalteten Händen zu einer großen Abschlusskundgebung seiner lächerlichen These - oder Analyse - oder wie er den Gedankenbrei nennen mochte, aus.

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