11.08.2011

Yes U Can (Kapitel 4) Part 2

Wir sind nie mit dem Auto verreist. Meine Eltern hatten anscheinend kein Interesse daran die Bundesrepublik zu erkunden. Zum einen gehe ich davon aus, dass sowohl meine Mutter als auch mein Stiefvater schon vor meiner Geburt die deutschen Städte erkundet hatten, sodass dies nun dem Nachwuchs nahe zu bringen überflüssig erschien. Auf der anderen Seite war solch eine Autoreise zu der damaligen Zeit immer mit der aufwendigen Ausreise der Insel Westberlin verbunden. Da hieß es erstmal den Osten durchqueren ohne jegliche Möglichkeit rechts ranzufahren und im Wald den Frust hemmungslos rauszuschreien. Endlose lineare, betonierte Fahrbahnen lagen vor und hinter einem bis man wieder auf erlaubtem Boden ein- und aussteigen durfte. Warum also mit einem missmutigen und nörgeligen Kleinkind auf dem Rücksitz ewig auf deutschen Autobahnen umherirren? Wozu die dröge deutsche Landschaft mit ihren Wiesen, Wäldern, Schlössern und Bergen besuchen, wenn während, vor und nach diesem Sightseeing und der Weiterfahrt im Auto eine unerträgliche Stille herrschen würde? Bis auf das quengelige Kleinkind war ja die Kommunikation zwischen den beiden Personen auf den Vordersitzen bereits erloschen, bevor sie überhaupt jemals richtig gezündet war. Monotone Stimmen verkündeten das allernötigste.

Essen? 
Ja. 
Wo? 
Irgendwo. 
Wann? 
Weiß nicht. 
Hast du das gesehen? 
Ja. 
Und? 
Was? 
Gefällt es dir? 
Ist das wichtig? 
Willst du nicht mit mir reden? 
Wozu sollten wir reden?

Schweigen.

Im Wageninneren lag eine Gereiztheit, Anspannung und Verdrossenheit in der Luft, die man greifen, schmecken, riechen und atmen konnte. Diese Grundstimmung herrschte zwar auch daheim, aber da gab es fünf Räume und eine Haustür, die immer offen stand.
Im Urlaub, auf engstem Raum ohne Fluchtmöglichkeit, wäre die Stimmung irgendwann entweder eskaliert und es hätte Tote gegeben oder aber man hätte einsehen müssen, dass es doch 'wirklich keinen Sinn macht' sich dieser Folter auszusetzen. Und dann hätte die Idee einer Trennung zur Realität werden müssen. Einsicht wäre zur einzig wahren Option mutiert. Und das hätte Verlust bedeutet. Nicht unbedingt eines geliebten Menschen. Aber der Verlust einer vertrauten Person. Einem Weggefährten, verhasst, aber immerhin Gefährte.

Unwillig allein sein zu können, haben sie also das kleinere Übel gewählt und sich dem Schicksal gebeugt, in einer tristen und lieblosen Ehe gestrandet zu bleiben. Zu zweit unglücklich - das mag wohl besser gewesen sein, als allein glücklich werden zu müssen. Die immense Kraftanstrengung einer Trennung haben sie zu dem Zeitpunkt einfach meiden wollen. Auf Kosten ihres Gemüts. Resignation noch bevor ein wirklicher Veränderungsprozess eingeleitet wurde. Was das mit einem heranwachsenden Menschen macht und ihn für den Rest seines Lebens an zwischenmenschlichen Beziehungen verzweifeln lassen würde, dass konnte nicht bedacht werden. Oder aber sie nahmen es billigend in Kauf. So oder so wäre ja eh keiner glücklicher geworden. Glaubten sie zumindest. Also blieb alles beim Alten, wurde hingenommen und das Beste draus gemacht. Kreativität und Selbstfolter , das lernte ich sehr schnell, waren unablässiges Grundgut einer anhaltenden Partnerschaft
                                             Was wir als Wegzehrung im Auto lagerten war für die Menschen 
                                                            am Wegrand das Versprechen einer bunten, exotischen, fernen Welt.
 

In unserem Fall wurde somit entschieden das Urlaube - dieses Heiligtum der familiären Einigkeit - möglichst in die Ferne unternommen wurden. Flugzeuge sind ja dermaßen betriebsam, dass man getrost übersehen kann, dass mit dem Partner kein Gespräch möglich ist. Der Sitznachbar, die Flugbegleiterin, das Bodenpersonal oder der Bordfilm müssen zum Fokus der Aufmerksamkeit werden. Hotels an sonnigen Urlaubsorten versprechen eine Vielfalt an Beschäftigungsmöglichkeiten: Große Säle, in denen das Buffet in schöner Regelmäßigkeit frisch bestückt wurde gaben Anreize sich notgedrungen über das Essen zu unterhalten oder unentwegt an jenem vorbei zu schlendern, um den stummen Tisch zu meiden. Weiße Strände luden dazu ein, sich der Sonne und einem Buch hinzugeben oder aber in die Brandung zu flüchten. Massagen, Gesichtsbehandlungen, einsame Spaziergänge, Shoppingtrips in der Hotelboutique oder in die - auf Tourismus ausgerichteten - Ortschaften, taten ein übriges um den Gatten/-innenmord zu vermeiden. Eh man sich versah konnten so drei Wochen verstreichen, ohne wirklich miteinander in einen Austausch geraten zu sein. 

Die 16 deutschen Bundesländer habe ich bis heute noch nicht bereist. Kann ich nichtmal auswendig aufzählen oder auf einer Karte zuordnen. Aber japanische Essgewohnheiten, kenianische Stammesnamen, griechische Bergdörfer oder zu meidende brasilianische Favelas könnte ich selbst im Schlaf aufzählen.


                                 Schau nach vorn: Der Weg ist das Ziel. Ignoriere rechts und links ...
 

Schneller als sie es ursprünglich für möglich gehalten hatten waren Liebe, gemeinsame Zukunftspläne, Hoffnung und Empfindungen verblasst und durch eine kalte Leere ersetzt worden. Sie mussten erkennen, dass für alles - auch das Gelöbnis der Ehe - ein Preis zu zahlen war. Diese unerträgliche Traurigkeit, von der meine Eltern umgeben waren, konnte nur durch eine Person kompensiert werden. Und da kam ich ins Spiel.

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