05.12.2012

No Title or ... Have Yourself A Very Merry Christmas

Dankbarkeit ist keine einfache Angelegenheit. Dankbar ist jeder der auf der Straße das Gleichgewicht verliert, stolpert und zu Boden stürzt - wird dann eine helfende Hand geboten, um wieder auf die Beine zu gelangen, ist Dankbarkeit die Folge. 
Alte Frauen sind dankbar, wenn ihnen jemand im Supermarkt die viel zu klein aufgedruckten Preise auf den Weizenkleien entziffert oder die in den Regalen am höchsten aufgereihten Gurkengläser gereicht werden.

Ein umsichtiger Mensch generiert sich in diesen Momenten schnell zum Heilsbringer, dem Erlöser, der Wahrhaftige, dem es Dank auszusprechen gilt. 


Dankbar bin ich wenn mein Vorrat an Schmerzmitteln doch noch nicht aufgebraucht ist, sollte ich mal wieder morgens um sieben Uhr sturzbetrunken und schwankend vor meinem Medizinschrank stehen und laut klimpernd den Inhalt in das Keramikbecken befördern. 
Ausdrücklich nicht dankbar bin ich allerdings, wenn ich nach durchzechten Nächten feststellen muss, dass ich noch immer kein vernünftiges Verhältnis von Wodka und Mischgetränk erlernt habe und zu allem Überfluss auch noch überzeugt bin, Reste nicht verschwenden zu dürfen. Diese sehr preußische Tugend führt in aller Regel dazu, sämtliche halbleere Plastikbecher auf einer Party auszuleeren, auch die der Anderen, die sie unachtsam abstellen. Verschwendung ist immerhin eine Sünde. Das maßvoller Alkoholgenuss eine Tugend sei, halte ich hingegen für ein Gerücht. Die Konsequenz aus dieser Fehlkalkulation hat mir jedoch schon mehr als eine Gehirnzelle geraubt und meinen Körper in Schockzustände getrieben. Alljährliche Weihnachtsfeiern sind ein besonders schöner Austragungsort im Kampf zwischen Verstand und Wahnsinn. Lust und Anstand. Hysterie und Melancholie. Yin und Yang. Würde und Scham werden zu Fremdworten und die toxische Romanze aus Gleichgültigkeit und Verachtung nimmt ihren fatalen Lauf. Dabei hatte der Abend so unverfänglich begonnen. Doch nun hing ich mit dem Kopf in (nicht über) der Kloschüssel und erbrach mich zum dreizehnten Mal mit feierlicher Inbrunst. Da mittlerweile keinerlei feste Nahrung in meinem Körper aufzufinden war, beschränkte sich das von mir hochgewürgte auf ein klare Flüssigkeit, welche nur noch 0,1% Vodka beinhalten konnte und somit Magensaft und meine verflüssigte Leber sein musste. Ich war wirklich nicht dankbar. Nicht mir, nicht meinen neuen Partybekanntschaften, nicht dem Erfinder von Wodka. Auch nicht dem heiligen Herr im Himmel, der mich sehenden Auges in mein Verderben stampfen ließ und noch weniger den trotteligen drei Königen, die das Christuskind beschenkten und somit das ganze Drama erst zu einer Feierlichkeit deklarierten. Genauso musste sich der bevorstehende Tod anfühlen, wenn man bereits ¾ des Weges hinter sich gebracht hat: nackt auf dem Boden gekrümmt, in den  Armen einen Toilettensitz und vor mir ein See aus Erbrochenem. Und in meinem Kopf die bange Frage: Warum bin ich nur so schrecklich un-dank-bar? 


Es ist hinlänglich bekannt, dass ich einem Kaltgetränk nicht abgeneigt bin und im Zuge dieses ersten alkoholischen Drinks zu einem entsetzlich hilflosen Individuum mutiere. Dieses Szenario habe ich dermaßen häufig durchgespielt, erlebt und zur Schau gestellt,  dass nicht nur ich, sondern auch meine Trinkfreunde durchaus das mehrfache Vergnügen hatten, dieser Metamorphose beizuwohnen. Meine Wandlung vom Feierkönig zum menschlichen Wrack musste also niemand ein weiteres Mal erleben. Doch gütig und gebend wie ich eben bin - immerhin ist Geben seeliger denn Nehmen - beschloss ich das Partyzepter an mich zu reißen:


,Ach, was solls, das Jahr war doch eh scheiße. Da machen wir jetzt ordentlich ‘ne Sause. Merry Christmas ihr geilen Leute. Uns geht es doch allen gut, oder? Reich rüber die Flasche und lass uns tanzen. Ja, TANZEN und SINGEN. 
Let‘s jingle all the way, hey, hey, hey. La Di Di Da Di Da Di Da Da Da.
Alle mitmachen - weiße Weihnacht beginnt jetzt. Schubi Dubi Dubi Dubi.‘

Anstand und Würde?Fehlanzeige!
Der Abend begann beim Wettsaufen mit Kollegen (und dem Chef), schwankte zu mir halbnackt auf einer Küchenanrichte tanzend, einen - glücklicherweise abgewandten - Massenauffahrunfall provozierend und bevor ich von Fremden in ein Taxi verfrachtet wurde, stand ich noch lautstark pöbelnd auf dem Mittelstreifen einer Hauptverkehrsstraße und brüllte Obszönitäten, ganz kosmopolitisch, in die Menge:

‘What's your problem, bitch? You look like shit!
Yeah Yeah, fuck you too, shithead!
See that? That‘s your ugly face up my ass.‘

Mit nach vorn gebeugtem Oberkörper schwankte ich hin und her - bedrohlich wie einst King Kong - während ich vorbeifahrende Autos bespuckte. Ich muss ein bedauernswerter Anblick gewesen sein. Lautstark singend und steppend konnte ich mich in dann doch noch in meine Wohnung retten, wobei ich nur Dank des aufgeschlossenen Taxifahrers vermutlich nicht zusammengesunken vor dem Hauseingang meine Reise beendete. 


Und nun also der Todeskampf vor der Toilettenkeramik. Seit nunmehr zwölf Stunden kotzte ich mir die Seele aus dem Leib. Meine übliche Vorgehensweise, durch Aufnahme einer möglichst fettlastigen Mahlzeit Restalkohol zu binden und aufzusaugen, versagte kolossal. Die von mir hastig verschlungene Pizza, die ich aus einem Schnellrestaurant entwendete als keiner hinsah, hatte sich bereits bei meinem zweiten Toilettengang vollkommen aus meinem Körper verabschiedet. Nicht einmal ein Glas Wasser konnte ich bei mir behalten. Es war erschütternd. Ich atmete tief ein, drückte meine Schultern durch und versuchte mich aufzurichten. Ruckartig sank ich wieder zusammen und vermied es um Haaresbreite, mit dem Kinn auf dem Toilettenrand aufzuschlagen, als es auch schon schwallartig aus meinem Mund schoss. Nie zuvor ist mir dermaßen viel Wodka aus Mund und Nase geflossen. Meine Augen fühlten sich an, als würden sie jede Sekunde aus ihren Höhlen springen wollen und mein  gesamter Körper zuckte unrhythmisch. Allerdings hatte ich es geschafft die Klobrille aus der  Verankerung zu reißen und hielt diese nun als Schutzschild vor meiner Brust. Ich betete zu Gott das dies nicht das Ende sein durfte. Immerhin war es doch Weihnachten. Wo blieb denn seine verdammte Barmherzigkeit?
Soviel hatte ich noch vor in meinem Leben. 
Allein und nackt auf einem dreckigen Stück Plüsch kauernd zu verrecken durfte nicht meine letzte Tat gewesen sein. Mit aller Kraft richtete ich mich auf und taumelte zu meinem Bett. Dort ließ ich mich behäbig auf die Matratze fallen und nahm die mir angenehmste Stellung ein: fötal und zusammengerollt atmete ich - den Mund weit geöffnet - schwer ein und aus.  Ein nasses Handtuch gegen meine Stirn pressend, während ich versuchte meine unmenschlichen Kopfschmerzen verzweifelt fortzumassieren, geschah es: Dankbarkeit flammte in mir auf. Nicht für die vergangene Nacht.




Auch war ich nicht dankbar, aufgrund der Unmöglichkeit tagelang feste Nahrung aufzunehmen, rapide an Gewicht zu verlieren.
Nein, ich war dankbar zu wissen, dass ich, so sehr ich mich auch bemühte, mir selbst nicht entkommen würde. Ich akzeptierte das Unausweichliche, dass ich jahrelang versuchte zu umgehen. 
....tbc 

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