12.04.2013

Be It! Glaube(n) ist auch nur ein anderes Wort für Realitätsverdrängung.

Ein Kommentar:
Meine Kindheitserinnerungen sind durchzogen von einer Menge Ungereimtheiten. Zum einen macht im Nachhinein vieles keinen Sinn an das ich mich erinnere und zum anderen bin ich nicht mehr sicher, ob das was ich glaube als Kindheit zu kennen, auch tatsächlich so stattgefunden hat. Gerne verlässt mich die Fähigkeit, zwischen dem was war und dem was sein sollte, zu unterscheiden. Und im Zweifelsfall scheint mein Gedächtnis eine eigene Wahrheit zu konstruieren. Sicher, die Steptanzphase hat wirklich stattgefunden. Auch der jahrelange Versuch meine wahre Herkunftsfamilie ausfindig zu machen und somit den Beweis zu erbringen entführt worden zu sein und eigentlich dem Adel anzugehören, ist keine Erfindung. Und während eines Safariurlaubs erst von einem Nilpferd verfolgt, dann von einer Schlange beinahe erdrosselt und im Anschluss um ein Haar von einem Adler in der kleinen Cessna zum Absturz gebracht worden zu sein – alles geschehen. Aber ob ich nun den Lesewettbewerb gewonnen, einer tödlichen Krankheit ein Schnippchen geschlagen (wieder bei der Safari) oder aber als Huhn verkleidet Bauarbeitern sexuelle Versprechen abgenommen habe – wer kann das schon genau wissen?! Wichtig ist doch nur, dass ich oftmals keine andere Wahl hatte, als der Wahrheit einen bunten Anstrich zu verpassen. 
Ich bezweifle auch, dass die dramaturgischen Ausführungen einiger Menschen ihren Ursprung in tatsächlich Erlebtem haben. Und wer will nachprüfen, ob Menschen immer dicht an der Wahrheit bleiben. Ich zumindest will es nicht wissen. Die ungeschönte Wahrheit wäre vermutlich auch wesentlich erschreckender, bedrückender und durchschnittlicher. Das will niemand hören.

Mein Therapeut Doktor Hortmann jedenfalls schien hinter dem Normalen Großes zu vermuten, während er dem Besonderen keinerlei Beachtung schenkte. Er nahm kaum Notiz von meinen fabelhaften und bunten Erinnerungen. Zu Beginn unserer Sitzungen war ich noch der festen Überzeugung das er, da ja fachlich zertifiziert, es besser wissen müsste und überließ ihm zähneknirschend die Zuordnung in relevant und unwichtig. Beim herumstöbern in meiner Kindheit, meinen Teenagerjahren und den wirren Mitzwanzigern unternahm er allerdings eine mir oft vollkommen unplausible Zuordnung meiner Befindlichkeiten, Erinnerungen und Empfindungen. Fröhlich torpedierte er mich mit kryptisch vorgetragenen Fragen und Anregungen – immer mit dem Grundsatz, ich würde von selbst auf die Antworten stoßen müssen, die mir dann als Hilfestellung genügen sollten. 
'Wozu benötige ich Sie dann eigentlich, wenn ich eh alles allein erarbeiten soll?', fragte ich ihn einmal sichtlich enttäuscht. Mehr als ein Lächeln konnte er sich allerdings nicht abringen, zeichnete mit beiden Händen Fragezeichen in die Luft, rutschte bräsig auf seinem Korbstuhl hin und her und erwiderte:
'Was glauben Sie?'
Was glaube ich? War das hier für ihn bloß ein Ratespiel. Glaubensfragen sollten doch nicht Bestandteil einer Therapiesitzung sein. Immerhin war ich hier um Licht ins das wirre Dunkel meiner Seele zu bringen und nicht um noch mehr Verwirrung aufzuwirbeln. 
Glauben tat ich sowieso nicht. Weder an eine höhere Macht, noch an irgendetwas anderes. Entweder weiß man etwas oder man weiß es halt nicht. Glaube beinhaltet ja immer die Möglichkeit der Unsicherheit, des nicht eindeutig Erkennbaren und zwiespältigen Mutmaßungen. Wischi-Waschi Antworten sozusagen.
Habe ich diesen Unfall gesehen oder glaube ich ihn verursacht zu haben?
Habe ich vorhin eine Banane gegessen oder glaube ich etwas in meinen Mund gesteckt zu haben?
Thront da ein bärtiger Herr im Himmel und richtet über uns oder glaube ich das er dies mangels wirklicher Aufgaben tut?
Werde ich dafür geächtet Glauben abzulehnen oder glaube ich nur das Menschen morden, foltern und rothaarige Frauen verbrannten?
Sitze ich hier und beantworte dämmliche Fragen eines leicht übergewichtigen Mannes oder glaube ich in dieser alptraumhaften Enge des orangegetünchten Raumes ihm gegenüber zu kauern und ihm den Tod zu wünschen?
Ist die Erde nun rund oder glaube ich den ganzen Stuss einfach nicht?

'Und versuchen sie es nicht erst mit subversiver Argumentation', schob er hinterher.

Therapeutische Aufarbeitung der geschundenen Seele, dass lässt sich ganz klar sagen, ist ein ganz großer Mist und glücklich und zufrieden ist nur derjenige, der verdrängt und an Glückskeks-Weisheiten glaubt. Cheers!

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