23.04.2013

Love It! Not A Day To Soon.

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Kürzlich fragte mich ein Arbeitskollege ob ich denn tatsächlich schonmal einen Menschen geliebt hätte. Nicht die selbstverständliche Liebe zu den Eltern meinte er. Auch nicht das geliebte Haustier oder die allerbesten Freunde. Vielmehr die Liebe zu einem Menschen, der einem zuvor unbekannt war und den man dann irgendwann mochte, gern hatte, verschossen war und letztlich lieben würde. Ich stutzte ein wenig, immerhin waren wir gerade dabei den Boden aufzuwischen, nachdem sich ein Kunde auf denselbigen erbrochen hatte. In diesem Moment ging mir so einiges durch den Kopf – Liebe gehörte allerdings nicht dazu. Ich zischte ihn iritiert an.
'Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder? Ich knie hier gerade vor dem Mageninhalt eines offensichtlich stark alkoholisierten Mannes und du fragst mich nach Liebe. Ernsthaft, jetzt? Hmm, lass mal sehen ... ich führe seit Jahren eine Beziehung, teile mir eine Wohnung und ein Bankkonto, gemeinsame Mahlzeiten sieben Tage die Woche und gegenseitig ausgestellte Organspendeausweise. Ich denke das reicht um von Liebe zu sprechen. Dürfte ich dich jetzt bitten das Wasser zu wechseln.'

Der Gedanke, Liebe als solches zu benennen, erschien mir schon immer vollkommen absurd und führte umgehend zu Magenverstimmungen - der armen Seele die sich gerade erst auf dem Linoleumboden entleert hatte ging es offensichtlich kaum anders. Ich kann nur vermuten, dass seine Freundin eine ähnlich dämliche Frage formuliert hatte und er ihr seine Liebe ohne lange nachzudenken vor die Füße gekotzt hatte! 
Woher kommt dieser unbedingte Drang immer allem eine Bezeichnung aufzudrücken, Worte zu finden, Empfindungen auszuformulieren? 
Liebe. Was bitte soll das genau sein? Seit jeher beschäftigen sich Dichter, Philosophen, Schrifsteller, Filmemacher, alte und junge Menschen, gebildete Elite und schlichtes Fußvolk, Männer und Frauen und Männer mit Männern und Frauen mit Frauen und der Rest der dazwischen changiert, mit der Deutung von Liebe. Wenn ich jetzt also nach gängigen Definitionen mein privates Glück beschreiben sollte, bzw. Außenstehende dies tun müssten: man würde wohl von Liebe sprechen (müssen). Denn, wie schon erwähnt, wir teilen ein Bett, mehrere Jahre unseres Lebens, Körperflüssigkeiten, lachen, streiten, weinen und diskutieren. 
Der Organspendeausweis war gelogen, sicher, denn irgendwo sollte man die Grenze ziehen.
Ohne Zweifel ist das dann wohl Liebe.
Allerdings kann ich nicht beurteilen ob es nicht auch einfach nur Gewöhnung, Langeweile, Anpassung, Faulheit, schlichtes 'abfinden' sein kann. Es gibt ja nicht unbedingt eine Faustregel, wann und wie man jemanden zu lieben hat und wann das dann vorbei ist. Wie es (die Liebe) zu zeigen ist, damit Außenstehende bloß nicht vermuten man sei schon längst entliebt und eigentlich nur aus Furcht vor der Einsamkeit noch ein Paar, das lehrt uns ein Blick in die Welt der Dichter und Denker. 
Wenn ich das Radio ein-  und eine Stunde später ausschalten würde hätte ich wohl gefühlte 1000 Lieder über die Liebe gehört und mich nur marginal darin wiedergefunden. Schlage ich ein Buch auf, lese ich Beziehungsratgeber, versinke in seichter Serienunterhaltung und folge den Eskapaden die mein Umfeld als Liebe bezeichnet, nun, ich müsste vom Glauben abfallen. Denn was da als liebevolles Miteinander propagiert und ausgelebt wird, ist nichts anderes als Schönfärberei und schlichte Beschäftigungstherapie. Tue ich aber nicht und sollte auch niemand tun. Liebe ist das was man daraus macht. Ohne Schnörkel, ohne Schmetterlinge, ohne Regenbogen - und ohne eine andauernde Euphorie.
'Ja, hab ich, Ich habe geliebt und ich liebe. Und ich werde vermutlich weiterhin lieben und dann bin ich tot und das ganze war nicht mehr als nur eine weitere Form der Beschäftigung im stetigen Einheitsbrei des Lebens. Könnten wir jetzt diesen See aus Mageninhalt beseitigen und es gut sein lassen?'

Ich habe keine Angst meine Liebe zu verlieren um dann daran zu zerbrechen. Nur weigere ich mich strikt einen Menschen mit Worten an mich zu binden, gefügig zu machen und unter Druck zu setzen. Denn dafür gibt es ganz andere, deutlich perfidere Vorgehensweisen.
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