29.05.2013

Fear It! Testtextversuchmädchenratgeber No 2

Das erste Mal ... neben ihm aufwachen.

Ich war kürzlich bei meinem neuen Zahnarzt. Traditionell habe ich mir einen ausgesucht der nah an meiner derzeitigen Wohnung liegt. Ich neige zu ungestümen Panik- und Angstattacken und daher muss ich ggf. schnell nach Hause rennen können, um mich eilig unter der Bettdecke zu verstecken. Die Angstschübe zeigen sich nicht immer und nicht überall aber definitiv wenn der Besuch bei dem Mann mit dem Bohrer, dem Absauger, den Wattebäuschen und dem sterilen Geruch ansteht. Blankes Entsetzen und eine Menge Schweißperlen sind meine Begleiter und das bereits Tage bevor der eigentliche Termin ansteht. Aber ich habe in den vergangenen Jahren gelernt, dass Angst nur ein Zustand ist den man bekämpfen kann: durch Konfrontation und Zähne zusammen beißen lehren einen Selbsthilfe-Ratgeber.
Doch beim Zahnarzt ist das mit den Zähnen ja so eine Sache: zusammen beißen geht da nicht so einfach. Also dann schon eher Augen zu und durch.
Nachdem ich mit freundlichen, aufmunternden Worten 

'Ich mag Sie nicht, ich habe Angst vor Ihnen und wenn Sie mir Schmerzen zufügen hole ich meinen großen Bruder',
meine neue Sprechstundenhilfe begrüßt hatte, führte sie mich in das Behandlungszimmer. Doch sofort nachdem ich mich auf dem Stuhl niedergelassen hatte schossen mir auch schon die Tränen in die Augen. Der Arzt hatte die Tür noch nicht geschlossen und ich war bereits ein körperliches Wrack, zitternd und hemmungslos heulend. Der Mann in Weiß, geübt und offensichtlich geschult im Umgang mit jammernden Patienten, sprach ruhig und geduldig auf mich ein:
'Keine Sorge, wir schauen ja erst mal nach ob überhaupt etwas vorliegt', waren seine dummdreisten Versuche mein Vertrauen zu erschleichen. 
Doch besagte Angst und die jahrelangen traumatisch gefärbten Erinnerungen umklammerten mich fest.
Umsonst, wie sich herausstellen sollte. Mein neuer Zahnarzt ist nämlich ein Zauberer. Ein ganz großer Held und ein technisches Genie dazu. Der Schmerz der Betäubungsspritze war erträglich, das Lachgas wohlschmeckend und der seelige Schlaf in den ich versetzt wurde ein himmlisches Vergnügen. Propofol, das wussten schon Popkönige, ist ein Werkzeug der Götter.
Als ich wieder erwachte, leicht benommen und mit rissigen Lippen, lächelte er mich keck an und versicherte mir:
'Alles in bester Ordnung, Karies behoben und eine Nachbehandlung unnötig.'
Das erste Mal neben meinem neuen Zahnarzt aufwachen – ich würde es von nun an nicht mehr fürchten. Der Verlust meiner Unterhose war mir zwar ein ebenso suspekt wie die unangenehme Flüssigkeit die ich noch im Mund hatte, aber das erste Mal ist immer ein Geben und Nehmen.

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