31.05.2013

Live It! Momma'sBoy LonelyStation.

Als kleiner Junge verbrachte ich Stunden, ach was, ganze Tage vor dem Fernseher. Wenn ich mich doch mal von meinem Freund (das große, schwarze Monstrum taufte ich auf den schönen Namen Raphael) trennen musste und mich genötigt sah in die Schule zu gehen, dann wurde das VHS-Gerät akribisch programmiert. Vordergründig lässt sich heute sagen: Ich war ein sehr einsames, dickes Kind und kombinierte mein äußeres Erscheinungsbild mit einem unfreiwilligem Mangel an Freunden. Aufgrund von Verdrängung gehe ich allerdings davon aus, dass dies meinem Ego nicht schadete. Wer braucht schon Freunde? Ich hatte Raphael und der war mir treu ergeben. Serien, Dokumentationen, Spielfilme und vor allem MTV lenkten mich von der Alltagsödnis ab. Unmengen dieser VHS-Kassetten staple ich noch heute in meiner gut sortierten Privatvideothek und bin somit also im Besitz einer fulminanten Musikvideo-Kollektion. In Endlosschleife abgespielt und ordentlich aneinandergereiht projiziere ich immer wieder gern die Eckpfeiler meiner Kindheit auf den hochmodernen Flatscreen. Der Abgesang von MTV wurde ja hinreichend betrauert – mich betrübt jedoch vielmehr die Tatsache, dass damals bestimmt andere dicke Kinder ebenso die Flucht in Fernsehwelten angetreten sind und besonders im Musikfernsehen eine Heimat fanden. Schließlich waren die Pioniere des reinen Musik-TV auch einsame, dicke und ungeliebte Kinder. Es kann mir niemand erzählen das Michael, Madonna, die Durans und Pet Shop Jungs, Steve Blame, Kristiane Backer oder Ray Cokes während ihrer Schulzeit wirklich beliebt waren.

Zeiten ändern sich, Fortschritt peitscht uns voran und Nostalgie ist nur eine Nebenfigur. Die dicken Kinder werden zwar selten schöne Schwäne, doch Ausnahmen gibt es auch hier. 
Die VHS, MTV und Raphael hingegen sind Relikte längst vergangener Tage: verblasst, verbrannt, vergessen, betrauert und ausgemustert. 
Aber die Musik, die bleibt ... 

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