24.06.2013

Movie & Music: Revisit Retrosounds.

Merkregel: Es lohnt sich mitunter den gesamten Abspann eines Filmes durchzusitzen! Selten wegen der viel zu klein geschriebenen Credits und kaum wegen dem marginalen Informationswert, wer denn nun für das Catering zuständig, die Förderung übernommen oder als Stand-In Double tätig war.
Vielmehr sind es die musikalischen Trüffel, welche sich hier gern mal herausschälen. Diese wunderbaren Filmsoundtrackbesonderheiten die sich nicht auf irgendwelchen uninspirierten Compilations ansammeln oder als Werbeuntermalung im Fernsehen auftauchen, also zu Tode gespielt werden. Im besten Fall sind es nämlich die vergessenen Songs die irgendein besessener Filmemacher einbauen und wiederbeleben wollte. Manche Music from the Motion Picture Alben sind daher wahre Fundgruben an Raritäten und mit derlei Hingabe zusammengestellt, dass sie selten im Einklang zu den dusseligen Machwerken stehen denen sie angeheftet wurden. 
'Jackie Brown'? 'Zoff in Beverly Hills'? 'The Next Best Thing'? 'The Bodyguard'? 
Oder 'Tron: Legacy'? 
Allesamt unbestreitbare Beweise für einen genialen Soundtrack in Kombination mit mäßiger bis magerer Filmkunst. 
Den Drang zu unterbinden, so schnell wie möglich aus dem Kinosessel zu springen oder den Fernseher abzuschalten, muss man ignorieren können/lernen; denn mitunter, manchmal, oh ja, da gilt es eine wundersame Bereicherung nicht zu verpassen!

Im Abspann des, zugegeben streckenweise durchaus unterhaltsamen - wenn auch maßlos vulgär und sinnbefreit anmutenden - Pipikakafickifickihumorfilmchens Zack and Miri Make a Porno von 2008, ist aber etwas großartiges zu bestaunen: Die vollkommene Freude über einen Song der da ertönt und das Leben bereichert bzw. die persönliche Playlist ruckzuck anführt und das filmische Debakel nachhaltig aufwertet. Die James Bond Dauerserie - auch so ein nicht enden wollender Retromurks - verdreht das ja bekanntlich ins Gegenteil. Der Song zum Vorspann ist das Einzige was man erleben muss, der Rest ist ... äh, ja, was passiert da eigentlich?
Übrigens, der bereits erwähnte Film mit Seth Rogen und Elizabeth Banks bedarf keiner weiteren Erläuterung. Der Filmtitel gibt den gesamten Inhalt bereits ohne Umschweife erstaunlich detailliert wieder. Es wird ein Porno gedreht - so einfach und dumpf ist das. Ach ja, und natürlich als lustige Variante, haha, das ist dann mal ganz was verrücktes.
Außer zotigen Dialogen und verkrampften Anleitungen zum Rudelbums lernt man im Original immerhin noch Unmengen von vermeintlich geilen Satzbausteinen: 
'Oh yeah, you cocksucking, buttfucking mother of a fucker from tittyhell, swallow that deep-shit ass mouthing usw.'
Wer das mag, bitteschön, be my guest.

Doch die Musik, die macht alles wieder gut!
Jermaine Stewart war Mitte der Achtziger ein Popstar. Vier mehr oder minder erfolgreiche Alben zwischen 1984 und 1989 und einige Singleauskopplungen machten ihn zumindest zeitweise bekannt. Zuvor tingelte er in der nicht minder GRANDIOSEN Formation 'Shalamar' (dieser Bandname = ein Geniestreich) als Backup-Tänzer bzw. Sänger umher. Nach einem wenig spannenden Debutalbum sollte mit 'We Don't Have To Take Our Clothes Off' ein Welthit vertreten sein. Dieser entstammte seinem zweiten Longplayer (dolles Wort) dass den noch besseren Titel 'Frantic Romantic' trug. Der Jermaine war halt ein großartiger Wortkünstler.
Besagter Song - untermalt von bekloppt-schönem 80iger Synthisound - ist allerdings bemerkenswert tiefgründig, wenn auch fragwürdig in seiner Botschaft. Auf der Höhe der Aids-Hysterie wollte er nämlich dazu ermutigen, mehr Zurückhaltung, ja, Anständigkeit in Bezug auf Sex aufzubringen. 
Damals verwurstete man eben alles in einem Popsong und erhob den Zeigefinger mahnend und mit leidgeplagter Miene (der USA for Africa Song ist ein weiteres Beispiel für Gutmensch-Singererei, die in den 80ies die Welt zu einem besseren Ort machen wollte).
Man mag von der These Enthaltsamkeit als ultimative Safer-Sex Formel halten was man will, aber in einem R'n'B Popsong wirkte das dann weniger altbacken als in dem damals ebenso populären christian-pop Liedgut a la Amy Grant. Zugegeben war christlich ambitioniertes Liedgut ein US Phänomen, dass dem deutschen Bundesbürger äußerst befremdlich und z.T. belustigend erscheinen mag. Aber Reinhard Mey & Co. klingen auch nicht anders.
Ab den Neunzigern war dann allerdings Schluß mit lustig und Herr Stewart versank in der Anonymität. Mit nur 39 Jahren verstarb er 1997. Das Gerücht, den eigenen Schlachtruf nicht umgesetzt zu haben und daher den Preis für unzüchtige sexuelle Ausschweifungen mit dem Leben zu bezahlen, folgten natürlich umgehend. 
Worum es aber eigentlich gehen sollte, ist seine Musik zu würdigen. Die materialistischen achtziger Jahre haben dermaßen viel Schrott hervorgebracht da konnten selbst die vergleichsweise bescheuerten neunziger Jahre nicht mithalten (und die hatten hierzulande Leila K., Dr. Alban, The Omen, Mr. President, die Tic Tac Toe Tussen oder Babylon Zoo zu bieten - allesamt wenig erbaulich). 
Und obwohl Jon Bon Jovi, Sandra und Stadionrock im Allgemeinen in den 1980igern das Maß aller Dinge waren, entstanden eben auch die abseitigen Hits die in Vergessenheit geraten sind. Für diese muss und darf man sich nicht schämen, denn es glänzten noch Stars und Sterne und Queens und Kings … und eben auch Jermaine Stewart.

Jermaine Stewart - We Don't Have To Take Our... von jpdc11

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